Mythos Übersäuerung - oder Hilfe, mein Hund spuckt!

25. April 2020
(105 Stimmen)

Verdauungsprobleme bei Hunden sind keine Seltenheit. Die mit Abstand häufigsten Probleme sind Erbrechen von Magensäure auf nüchternen Magen – gefolgt von Aufstoßen, Magengrummeln und „Licky Fits“ nach dem Fressen. Manche Hunde fressen regelrecht anfallsweise sehr viel Gras oder sogar Erde, häufig mit anschließendem Erbrechen.

Häufig lautet die Schlussfolgerung/Diagnose dann, dass der Hund „übersäuert“ ist – häufig gefolgt von allerlei Hausmittelchen und auch medizinischer Behandlung.

Doch so „einfach“ ist das nicht.

Das Problem mit dem hündischen Magen ist, es ist kein menschlicher Magen. Was für den Menschen gilt - mehrere kleinere Mahlzeiten am Tag - ist für den Hund nicht unbedingt gesund. Schaut man sich die Anatomie des Hundes, speziell des Magens, an, dann werden die Unterschiede schnell klar – der Magen eines Hundes ist extrem dehnfähig, er ist in der Lage, bis zu 10% des Körpergewichtes aufzunehmen (was nicht heißt, dass das gesund wäre!).

Das ist von der Natur durchaus sinnig eingerichtet – denn in der Natur bekommt der Beutegreifer Hund keine regelmäßigen Mahlzeiten. Häufig haben Caniden keinen Jagderfolg oder finden nur wenig zu fressen, wenn sie jedoch erfolgreich Beute erlegt haben, gilt es, sich so richtig den Bauch voll zu hauen, denn wann die nächste Mahlzeit kommt, ist ungewiss.

Der Magen des Hundes ist also darauf ausgelegt, zu arbeiten, wenn er was bekommt – und wenn nichts in den Magen kommt, arbeitet er auch nicht oder nur auf Sparflamme.

Schaut man sich jetzt mal den typischen Tagesablauf unserer Haushunde an, wird schnell klar, dass es im Vergleich zu den wildlebenden Verwandten große Unterschiede gibt. Es wird regelmäßig gefüttert, meistens auf 2x am Tag verteilt, manchmal auch 3x. Dann gibt es zusätzlich noch Kauartikel, Leckerchen, eventuell was vom Tisch – da kommen schnell bis zu 7-8 Mahlzeiten (egal, ob nur ein Leckerchen oder ein ganzer Napf voll) während des Tages, also von morgens bis abends, zusammen.

JEDE Nahrung, die in den hündischen Magen kommt, schmeißt die komplette Apparatur an - Magensäure wird produziert, die Bauchspeicheldrüse aktiv. Da spielt es keine Rolle, ob das nur ein klitzekleines bisschen ist oder eine ganze Mahlzeit.

Die Folge - der Magen produziert im Prinzip ständig Magensäure. Über Nacht gibt es dann eine längere Fresspause (logisch, wir schlafen dann ja alle) - und prompt haben wir DANN das Problem eines Magensäure-Überschusses. Denn – der Magen produziert ja weiter, es kommt aber über die Nacht – im Gegensatz zum Tag – über mehrere Stunden kein neues Futter in den Magen. Umgekehrt wird aber ein Schuh draus - denn wenn der Magen ständig arbeitet und kleinere Portionen bekommt, passt er sich ja ein bisschen an, produziert also weniger Magensäure. Wenn dann die Hauptmahlzeit kommt, gibt es prompt zu wenig Magensäure für all die leckeren Dinge, der Magen ist überfordert und tut sich schwer. Die Folge – Magengrummeln, Bauchweh, Sodbrennen, Leck Anfälle (sogenannte Licky Fits).



Regelmäßige Rituale tun noch ihr übriges – jeder kennt Pawlowschen Hund. Hunde, die immer zur gleichen Zeit zu fressen bekommen (oder immer nach dem gleichen Ritual, z.B. nach dem letzten Gassi Gang), produzieren quasi schon in Erwartung des Futters vor. Kommt dann nichts, wohin mit der Magensäure? Sie wird dann gerne mittels Erbrechen hinausbefördert oder der Hund sucht Linderung, indem er gierig Gras oder sogar Erde frißt.

Sodbrennen, Licky Fits und nüchtern Erbrechen sind fast immer ein hausgemachtes Problem!

Meistens folgt dann ein echter Behandlungsmarathon - Heilerde, irgendwelche homöopathischen Mittelchen, die mal eben so empfohlen werden, Haferschleim, ein Keks vorm Schlafengehen, häufigere Mahlzeiten, irgendwann dann Omeprazol oder Pantoprazol vom Tierarzt....aber das Problem wird damit nur übertüncht, nicht gelöst. Heilerde zu den Mahlzeiten hemmt die Aufnahme ALLER Nährstoffe, ist also dauerhaft nicht sinnvoll, auch wenn es im ersten Moment so aussieht, als ob es wirkt.



Haferschleim ist vor allem kohlehydrathaltig, das saugt die Magensäure zwar auf, hilft aber bei dem grundsätzlichen Problem nicht. Gleiches gilt für die "übliche" erste Hilfe, ein Hundekeks, ein Stück Brot oder Zwieback.

Omeprazol und Pantoprazol sind Magensäurehemmer – der Wirkstoff wird über den Blutkreislauf aufgenommen und hindert den Magen daran, überhaupt erst Magensäure zu produzieren. All dies bekämpft zwar die Symptome, aber nicht die Ursachen. Der Magen eines Hundes ist nicht dazu ausgelegt, viele kleine Mahlzeiten am Tag zu bekommen. Er ist im leeren Zustand quasi zusammengefaltet. Kommt da jetzt nur eine Miniportion hinein, faltet sich der Magen nicht auf, aber die komplette Magenwand produziert Verdauungssekret. Was das bedeutet für die Magenwände, die fast aneinander liegen, kann sich glaube ich jeder ausmalen.



Die Mahlzeiten sollten so groß sein, dass der komplette Magen sich entfaltet. Das heißt nicht, zum Platzen gefüllt, sondern gerade so, dass der Magen seinen Job machen kann. Bei einem erwachsenen, grundsätzlich gesunden Hund heißt das, 1x am Tag, maximal 2x am Tag füttern (gilt für BARF und Nassfutter) und maximal 1x am Tag zusätzlich ein "Extra". 



Das gilt für BARF, gekochtes Futter und Nassfutter. Trockenfutter ist eine andere Baustelle, denn erstens enthält es meistens sehr viele Kohlehydrate und zweitens quillt es im Magen stark auf. Hier ist eine Fütterung 2x täglich tatsächlich sinnvoller, je nach Menge. 


Wie kriegt man die Probleme mit der Magensäureproduktion aber nun in den Griff?



Eigentlich relativ einfach:

1. längere Fresspausen (auch tagsüber, nicht nur nachts)


2. unregelmäßige Fütterungszeiten


3. Bitterstoffe zu den Mahlzeiten (Löwenzahn, Artischocke, grüne Blattsalate) 


4. blähende Nahrungsbestandteile, wie Kohl etc., weglassen


5. Erwachsene Hunde maximal 2x täglich füttern (Junghunde, Welpen und kranke Hunde eventuell öfter) 


6. Möglichst stückig füttern, kein gewolftes Fleisch


7. Kohlehydrate separat füttern (saugen Magensäure stark auf) – gilt für Barf, gekochte Rationen und Nassfutter



 

1. Bewährt haben sich "Zeitfenster", vor allem für die "viele Leckerchen-Fütterer". Das sieht dann so aus, dass man 2x am Tag eine Zeit festlegt (die kann täglich variieren), in der man quasi alles gibt, was man ihm geben möchte - und außerhalb dieser Zeit gibt es nichts. Gar nichts. Magen und Bauchspeicheldrüse einfach mal zur Ruhe kommen lassen. Wenn man z.B. nachmittags Hundeschule hat mit vielen Trainingsleckerli, gibt es das Futter direkt im Anschluss, wenn man nach Hause kommt.
Möchte man einen Kausnack für die Zähne geben, gibt es den als Nachtisch....ein solches Management ist also recht leicht möglich.

2. Unregelmäßige Fütterungszeiten verhindern Rituale, ein „Pawlow-Effekt“ wird vermieden.

3. Bitterstoffe regen die Produktion der Magensekrete an, was man ja für die Mahlzeiten erreichen will. Sie sind vor allem in Löwenzahnsaft, Endivie, Chicorée, bitteren grünen Blattsalaten (Feldsalat, Rucola) enthalten.

4. Blähende Nahrungsbestandteile erschweren die Verdauung und können zu Aufstoßen (und in der Folge Sodbrennen) führen.

5. Das Futter auf weniger häufige, dafür größere Mahlzeiten aufzuteilen, ändert nichts an der gesamten Futtermenge, sondern entlastet den Magen – er muss nicht so oft arbeiten, kann seinen Job dafür gründlicher machen. Die Umstellung sollte aber auf jeden Fall schrittweise erfolgen!

6. Stückiges Fleisch ist leichter verdaulich, da die Stücke besser von der Magensäure durchtränkt werden können – gewolftes Fleisch „verwässert“ sozusagen.

7. Kohlehydrate, wie Kartoffeln, Reis, Getreide etc. wirken, vereinfacht ausgedrückt, wie ein Schwamm auf die Magensäure – in der Folge produziert der Magen häufig mehr Säure, um die anderen Nahrungsbestandteile verdauen zu können.



In der Anfangszeit ist es häufig sehr schwierig - der Magen muss sich erstmal wieder daran gewöhnen, dass er nicht ständig arbeiten muss. Deshalb sollte man auch schrittweise und langsam die Häufigkeit der Mahlzeiten und die Größe der Mahlzeiten bis zum eigentlichen Ziel anpassen. Man kann dem gereizten Magen helfen, indem man vor den Mahlzeiten (ca. 30 Minuten vorher) etwas Slippery Elm gibt - mit kaltem bzw. lauwarmen Wasser zu einem Brei anrühren, ca. 15 Minuten stehen lassen, dann mit Spritze eingeben, als Paste auf das Zahnfleisch/in die Lefzen streichen oder auf einem Stück Brot/Fleisch/Leckerli geben.
Das kann man auch im akuten Fall machen, wenn gerade ein Schluck/Schleckanfall losgeht, anfallsartig Gras gefressen wird oder der Hund überschüssige Magensäure erbricht.



Slippery Elm schleimt vor allem, der Schleim legt sich auf Magen- und Darmschleimhaut, repariert und beruhigt diese. Eine heimische, ökologisch gesehen sinnvollere Alternative wäre Eibischwurzel oder auch gekochte, gequollene Leinsamen. All dies hemmt bei dauerhafter Gabe aber auch die Aufnahme von Nährstoffen, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie Heilerde.



Aufpassen bei der Rationszusammenstellung - bei Hunden, die zu Sodbrennen, Licky Fits und Nüchtern erbrechen neigen, sollten entweder Knochen, gewolfte Knochen, Knochenmehl oder Calciumcitrat in der BARF-Ration gefüttert werden - auf KEINEN Fall Eierschale, Algenkalk oder Calciumcarbonat.
Letztere reagieren mit der in der Magensäure enthaltenen Salzsäure und es kann erst recht zu Sodbrennen und Aufstoßen kommen.

Bitte aber immer daran denken – bei Hunden mit Erkrankungen muss man sorgfältig abwägen, ob und welche Veränderungen Sinn machen. Sind wegen Medikamentengaben regelmäßige Fütterungszeiten erforderlich oder wegen Erkrankungen häufigere Mahlzeiten, dann ist darauf natürlich Rücksicht zu nehmen. Aber auch dann kann man grundsätzlich bewußter füttern. 


©Bild: Regine Dumack, Barf-Shop Berlin

Gelesen 38805 mal Letzte Änderung am Samstag, 25 April 2020 12:12
JoomShaper
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok